Eingabehilfen öffnen

Zum Hauptinhalt springen

Pflege und Gesundheit für Unternehmen, Hochschulen, öffentliche Verwaltungen und Institutionen

Nähe auf vier Pfoten

Amiravita News, 01. Dezember 2025
© GG Kenji – stock.adobe.com

Tierischer Trost: Warum Tiere die Seele kranker und alter Menschen berühren

Wie Streicheln, Beobachten und der Kontakt mit Tieren das Wohlbefinden im Alter fördern – auch ohne eigenes Haustier.

Tiere geben Trost bei kranken und alten Menschen

Tiere sind weit mehr als nur liebenswerte Begleiter – sie können für ältere und kranke Menschen eine wichtige emotionale, körperliche und soziale Unterstützung darstellen. Ob Hund, Katze, Kaninchen oder sogar ein Vogel: Der Kontakt zu Tieren kann das Leben bereichern, Einsamkeit lindern und sogar Heilungsprozesse positiv beeinflussen. In den letzten Jahren ist dieses Wissen nicht nur in der Forschung, sondern auch in Pflegeheimen, Kliniken und Reha-Zentren angekommen.

Was Tiere bei älteren und kranken Menschen bewirken

Der positive Einfluss von Tieren entfaltet sich auf mehreren Ebenen – emotional, körperlich, geistig und sozial. Jede dieser Ebenen wirkt oft miteinander verbunden.

Psychische und emotionale Effekte

Einsamkeit ist für viele ältere und kranke Menschen ein ständiger Begleiter. Hier können Tiere wie ein unsichtbares Bindeglied zur Welt wirken.

  • Verminderung von Einsamkeit: Ein Tier ist immer da – es hört zu, schaut einen an, sucht Nähe. Das Gefühl, gebraucht zu werden, kann das emotionale Gleichgewicht stabilisieren.
  • Bedingungslose Zuneigung: Tiere akzeptieren den Menschen so, wie er ist – unabhängig von Alter, Aussehen oder gesundheitlichen Einschränkungen. Diese Form der unvoreingenommenen Zuwendung kann ein starkes Gegengewicht zu Selbstzweifeln oder sozialem Rückzug sein.
  • Struktur und Sinn im Alltag: Wer ein Tier füttert, pflegt oder mit ihm spielt, hat automatisch einen geregelten Tagesrhythmus. Gerade für Menschen, deren Tage sonst wenig Abwechslung bieten, kann das enorm wichtig sein.
  • Stimmungsaufhellung: Körperkontakt mit einem Tier – etwa Streicheln oder Kuscheln – regt die Ausschüttung des Hormons Oxytocin an. Dieses „Bindungshormon“ fördert Ruhe und Wohlbefinden, reduziert Angst und kann depressive Verstimmungen mildern.
  • Positive Ablenkung: Ein Tier lenkt die Aufmerksamkeit weg von Schmerzen, Sorgen oder trüben Gedanken und bringt den Moment in den Vordergrund.

Ein kleiner Hund, ein großes Lächeln

Bei einem meiner regelmäßigen Besuche bei meinem Opa durfte ich vor kurzem einen besonders berührenden Moment erleben. Opa ist 88 Jahre alt und war früher ein begeisterter Hundebesitzer. Dieses Mal hatte ich meinen kleinen Hund dabei – und kaum trat er ins Zimmer, leuchteten Opas Augen.

Mit sicherer Hand und voller Freude begann er, meinem Hund kleine Übungen beizubringen – genau so, wie er es früher mit seinen eigenen Hunden gemacht hatte. Er erklärte mir stolz jeden Schritt, und mein Hund folgte aufmerksam. Zwischendurch gab es Leckerlis, begleitet von einem zufriedenen Lächeln.

Oma, ebenfalls 88 und an Demenz erkrankt, saß daneben und schaute strahlend zu. Man merkte, wie die beiden in Erinnerungen schwelgten – an lange Spaziergänge, das Bellen, wenn der Postbote kam, das aufgeregte Wedeln vor der Fütterung oder die treue Begleitung auf dem Weg zum Bäcker.

Was wie ein kleiner Besuch wirkte, brachte zwei älteren Menschen nicht nur ein Lächeln ins Gesicht, sondern auch Gespräche und Bilder im Kopf zurück, die längst verblasst schienen. Manchmal braucht es nur ein paar Pfoten, um Herzen zu berühren – und plötzlich fühlt sich der Alltag wieder ein Stück vertrauter an.

Ein Hund als Brücke zurück ins Leben

In meiner Tätigkeit als Pflegeberaterin habe ich schon viele berührende Geschichten erlebt – und nicht nur ältere Menschen profitieren von tierischer Gesellschaft. Eine junge Frau, die unter schweren psychischen Problemen litt, konnte ihr Leben irgendwann nicht mehr allein bewältigen. Der Alltag fühlte sich für sie wie ein unüberwindbarer Berg an, und soziale Kontakte wurden immer seltener.

Nach einem ausführlichen Gespräch mit ihr und in enger Abstimmung mit ihrer Therapeutin empfahl ich ihr, sich einen kleinen Hund anzuschaffen. Sie war zunächst unsicher – würde sie dieser Verantwortung gerecht werden? Doch schon wenige Wochen nach dem Einzug des Hundes veränderte sich ihr Alltag spürbar.

Plötzlich gab es wieder feste Strukturen: Gassi gehen, Füttern, Spielen. Das kleine Tier schenkte ihr nicht nur Zuneigung, sondern auch eine Aufgabe, die Sinn stiftete. Mit jedem Spaziergang kam sie wieder unter Menschen, begann Gespräche im Park und entdeckte Stück für Stück die Freude am sozialen Miteinander neu.

Heute erzählt sie mir mit strahlenden Augen von den Abenteuern mit ihrem Vierbeiner – und davon, wie dieser kleine Hund ihr half, wieder Teil des gesellschaftlichen Lebens zu werden. Manchmal braucht es eben nur ein Herz auf vier Pfoten, um den ersten Schritt zurück ins Leben zu gehen.

Als der Therapiehund die Sprache weckte

Ein weiteres Beispiel: Ein 92-jähriger Bewohner eines Pflegeheims, der nach einem Schlaganfall kaum noch sprach, begann wieder kleine Sätze zu sagen – ausgelöst durch den regelmäßigen Besuch eines Therapiehundes. Die sanfte Nähe des Tieres, das geduldige Warten und die bedingungslose Zuwendung lösten etwas in ihm aus, was lange verborgen war. Für seine Angehörigen und das Pflegepersonal war das ein bewegender Augenblick, der Mut und Hoffnung schenkte.

Diese Begegnungen zeigen: Ein Tier ist oft viel mehr als nur ein Begleiter – es kann Trost spenden, Erinnerungen wecken, Strukturen schenken und sogar Türen zur Kommunikation öffnen

Tiere als Therapeuten – Begegnungen, die wirken

Tiere sprechen eine Sprache, die jeder versteht – ohne Worte, aber mit Herz. In vielen Bereichen der Therapie werden sie gezielt eingesetzt, um Menschen zu unterstützen, zu motivieren und Lebensfreude zu schenken.

In der Ergotherapie mit Kindern wird beispielsweise gerne mit Pferden gearbeitet. Das Reiten stärkt nicht nur das Gleichgewicht und die Muskulatur, sondern fördert auch das Selbstvertrauen, die Konzentration und die emotionale Bindungsfähigkeit. Viele Kinder, die anfangs unsicher sind, wachsen regelrecht über sich hinaus, wenn sie auf dem Rücken eines Pferdes sitzen und spüren, wie das Tier ihnen vertraut.

Auch in einer Kinderklinik konnte ich erleben, wie Tiere Teil des Alltags werden: Dort gibt es einen kleinen Streichelzoo mit Ziegen, Kaninchen und Hühnern. Kinder, die oft lange im Krankenhaus bleiben müssen, finden hier Abwechslung, Freude und eine Aufgabe, die sie selbstständig übernehmen können – sei es Füttern, Streicheln oder einfach nur zuschauen.

Und nicht nur Kinder profitieren. In einem Pflegeheim bot sich mir einmal ein besonders schönes Bild: Eine große Vogelvoliere mit Wellensittichen und Kanarienvögeln, deren fröhliches Zwitschern den ganzen Raum erfüllte. Zwischen den Sitzgruppen lag gemütlich eine Hauskatze, die es sich gefallen ließ, von den Bewohnern gestreichelt und gefüttert zu werden. Die Tiere schufen eine vertraute, wohnliche Atmosphäre und gaben den Bewohnern das Gefühl, gebraucht zu werden.

Ob Pferd, Katze, Vogel oder Kaninchen – Tiere können Brücken bauen. Sie schenken Nähe, motivieren zu Aktivität und wecken Erinnerungen. Oft reicht schon ihre Anwesenheit, um ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und den Alltag ein Stück heller zu machen.

Körperliche Effekte

Tiere fördern nicht nur das seelische, sondern auch das körperliche Wohlbefinden.

  • Stressabbau: Blutdruck und Herzfrequenz sinken oft messbar, wenn Menschen ein Tier streicheln oder ruhig mit ihm zusammensitzen.
  • Förderung von Bewegung: Wer mit einem Hund spazieren geht, kommt in Bewegung – das stärkt Muskeln, Gelenke und das Herz-Kreislauf-System. Auch bei Katzen oder Kleintieren entstehen kleine Bewegungseinheiten durch Versorgung, Füttern oder Spielen.
  • Schmerzlinderung: Der positive, entspannende Effekt kann das Schmerzempfinden senken. Studien zeigen, dass tiergestützte Interventionen Schmerzen zumindest subjektiv lindern.
  • Stärkung des Immunsystems: Regelmäßiger Tierkontakt kann Stress reduzieren – und weniger Stress bedeutet oft auch eine stabilere Immunabwehr.

Geistige Effekte

Der Kontakt zu einem Tier fordert und fördert geistige Fähigkeiten, oft ohne, dass es wie „Training“ wirkt.

  • Gedächtnistraining: Das Erkennen, Rufen, Versorgen und Beobachten des Tieres aktiviert Denkprozesse.
  • Förderung von Aufmerksamkeit: Tiere reagieren auf Stimme, Bewegung und Blickkontakt – das weckt natürliche Wachsamkeit.
  • Erinnerungen wecken: Bei Menschen mit Demenz können Tiere alte, positive Erinnerungen hervorrufen – etwa an Kindheitstage oder frühere Haustiere.
  • Motivation für neue Aktivitäten: Ein Hundespaziergang, das Basteln eines Spielzeugs für die Katze oder das Reinigen eines Vogelkäfigs kann den Anstoß geben, aktiv zu werden.

Soziale Effekte

Tiere sind Brückenbauer zwischen Menschen.

  • Gesprächsanlässe schaffen: Ein Hund an der Leine oder eine Katze im Schoß zieht oft interessierte Blicke und Fragen nach sich.
  • Gemeinschaft fördern: In Pflegeheimen werden Tiere oft in Gruppenaktivitäten eingebunden, was das Gemeinschaftsgefühl stärkt.
  • Familienbeziehungen intensivieren: Ein Haustier kann auch für Angehörige ein verbindendes Thema sein, über das man spricht, lacht und sich austauscht.

Tiergestützte Therapie – professioneller Einsatz von Tierkontakt

Beim Umzug in ein Pflegeheim lohnt es sich vielleicht, gezielt nach Einrichtungen zu suchen, die tiergestützte Angebote oder Besuchstiere in ihrem Konzept verankert haben.

In vielen Einrichtungen arbeiten speziell ausgebildete Tiere mit Fachpersonal zusammen.

  • Therapiehunde besuchen regelmäßig Patientinnen und Patienten, bauen Ängste ab und bringen Abwechslung in den Alltag.
  • Therapiepferde unterstützen besonders in der Reha von körperlichen Einschränkungen, da die Bewegung des Pferderückens motorische Fähigkeiten trainieren kann.
  • Kleintiere wie Kaninchen oder Meerschweinchen werden oft bei sehr zurückhaltenden Menschen eingesetzt, da sie weniger einschüchternd wirken als große Tiere.

Der Vorteil: Auch Menschen, die selbst kein Tier halten können, profitieren regelmäßig von diesen Begegnungen.

Alternativen, wenn kein eigenes Haustier möglich ist

Nicht jeder kann oder möchte dauerhaft ein Tier halten. Trotzdem gibt es viele Wege, in den Genuss von Tierkontakt zu kommen:

  • Besuchshundedienste: Ehrenamtliche bringen Hunde in Pflegeeinrichtungen oder Privatwohnungen.
  • Tierpatenschaften: Tierheime bieten Patenschaften an, bei denen man „sein“ Patentier besuchen und versorgen darf.
  • Nachbarschaftshilfe: Wer einen Hund oder eine Katze in der Nähe kennt, kann gelegentlich bei der Betreuung helfen.
  • Freunde, Bekannte und Nachbarn fragen: Oft ist es möglich, ein Tier stundenweise zu betreuen – auch ohne Spaziergang. Tiere genießen es, einfach gestreichelt zu werden oder in der Nähe eines Menschen zu sein.
  • Tages- oder Wochenendpflege: Organisationen vermitteln Tiere für kurze Zeiträume.
  • Therapie- und Besuchsprogramme: In Kliniken oder Pflegeheimen werden Tiere gezielt eingesetzt, um Freude und Abwechslung zu schenken.

Tierische Nähe – aber mit Augenmaß

Wer im Alter selbst über ein Haustier nachdenkt, sollte realistisch auf die eigene Kraft, Gesundheit und Lebenszeit schauen – oft sind ältere Tiere aus Tierheimen oder Pflegestellen eine gute Wahl, weil ihre Bedürfnisse überschaubarer sind und Mensch und Tier sich im ähnlichen Lebensabschnitt begegnen.

Tiergestützte Angebote können viel bewirken, sind aber nicht für jeden Menschen geeignet. Menschen mit starker Allergie gegen Tierhaare, mit schwerer Immunschwäche, offenen Wunden oder ansteckenden Erkrankungen sollten aus medizinischen Gründen meist nicht an solchen Angeboten teilnehmen, weil das Infektions- und Reizungsrisiko erhöht ist. Auch ausgeprägte Tierängste, Abneigung gegenüber Tieren oder negative Erfahrungen mit Tieren können dazu führen, dass der Kontakt eher Stress als Entspannung auslöst und damit dem eigentlichen therapeutischen Ziel entgegensteht.

Sinnvoll ist deshalb immer eine individuelle Abwägung zusammen mit Ärztinnen, Pflegekräften oder Therapeutinnen: Wer Tiere mag, sich körperlich ausreichend stabil fühlt und keine relevanten Kontraindikationen mitbringt, kann von tiergestützter Therapie profitieren – für andere sind andere Formen der Aktivierung und Zuwendung besser geeignet.

Fazit

Tiere wirken auf Körper, Geist und Seele – sie bringen oft Struktur, Wärme, Bewegung und Freude in das Leben von älteren und kranken Menschen. Sie sind stille Zuhörer, sanfte Motivatoren und manchmal auch kleine Therapeuten auf vier Pfoten. Selbst kurze Begegnungen – ein paar Minuten Streicheln, ein gemeinsamer Blick oder ein freundliches Schnurren – können den Tag heller machen und lange in Erinnerung bleiben.

Autor: Jasmin Aschenbrenner LinkedIn

Das Zusammensein mit Tieren aktiviert Denkprozesse und Sinne. Mehr dazu erfahren Sie im Artikel Förderung der Sinne bei Demenz.

Wenn Sie als Unternehmen Ihre Mitarbeitenden im Bereich der Pflege/bei mentaler Gesundheit unterstützen wollen: Hier finden Sie Angebote der Amiravita, für Mitarbeitende von Institutionen, Hochschulen und Unternehmen im Bereich der Pflege. 

 


Das könnte Sie auch interessieren

20. März 2025
Weglaufgefahr und motorische Unruhe bei Demenz Unruhe und Bewegungsdrang – eine ernstzunehmende Herausforderung Immer wieder hören wir von besorgten Angehörigen, dass ihre Liebsten unruhig sind, rastlos im Haushalt umherlaufen und manchmal sogar d…
21. September 2020
Eine Langzeitanalyse der DAK-Gesundheit zeigt, dass im vergangenen Jahr jeder 18. Arbeitnehmer in Deutschland, wegen einer psychischen Erkrankung der Arbeit fernbleiben musste. Hochgerechnet waren damit rund 2,2 Millionen Menschen psychisch so stark…
11. Dezember 2012
Im September 2012 hat das Netzwerkbüro "Erfolgsfaktor Familie" eine Mitgliederbefragung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie durchgeführt. Wir haben für Sie die wichtigsten Ergebnisse der Befragung zusammengestellt: Die häufigsten Maßna…