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Kommunikation

Amiravita News, 15. Juni 2023

Kommunikation mit hilfebedürftigen Angehörigen
Wie miteinander reden in einer Pflegesituation hilft

Wie überwindet man Kommunikationshürden?

Kommunikation ist laut Duden die Verständigung untereinander, der zwischenmenschliche Verkehr besonders mithilfe von Sprache und Zeichen. Wenn Sie kommunizieren, möchten Sie eine Botschaft vermitteln. Manchmal sind die vom Sender angewandten Mittel jedoch für den Empfänger nicht passend und so kommt es zu Missverständnissen bis hin zu verbalen An- und Übergriffen, Vorwürfen und damit im Ergebnis zum Gegenteil einer Verständigung. Gerade mit hilfe- oder pflegebedürftigen Menschen ist die Kommunikation nicht immer einfach.

Sicher haben Sie gute Ideen, was Ihren Angehörigen helfen könnte. Aber was Sie positiv bewerten, passt manchmal für den anderen überhaupt nicht und umgekehrt. Das kann dann Reibung oder Machtkämpfe erzeugen, der Kontakt wird immer angespannter. Da in dieser Situation häufig auch Emotionen eine große Rolle spielen, verliert sich manchmal der Fokus und man kämpft für Dinge, die es nicht wert sind. Dann hilft es den Blickwinkel zu verändern, statt sich in seinen Emotionen zu verlieren.

Häufig erhalten gerade die Angehörigen Vorwürfe, die sich am meisten mit der pflegebedürftigen Person beschäftigen. Es ist nicht einfach, darauf nicht emotional zu reagieren. Trotzdem lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und sich vor einer Reaktion erst einmal ein paar Fragen zu stellen.

Drei mögliche Perspektiven der Kommunikation werden wir im Folgenden beleuchten: Die Perspektive des Pflegebedürftigen, die des Pflegenden und die Beziehungsperspektive.

Der pflegebedürftige Mensch

Was erwartet mein Angehöriger? Was ist der Hintergrund hinter möglicherweise immer wiederkehrendes Jammern, Schimpfen, Fordern, hinter Abwehr aller vorgeschlagenen Hilfsmaßnahmen? Ist es vielleicht Angst vor dem Verlust der Autonomie, die Angst, nicht mehr wahrgenommen zu werden oder nicht mehr selbst entscheiden zu dürfen? Worin genau liegt das Problem? Ist es vielleicht Vereinsamung im Alter?

Oder haben wir es mit einem Profilierer zu tun, der einfach nur Recht haben möchte? Solche Menschen wollen vor allem respektiert und gemocht werden und oft kann man mit einer respektvollen und wertschätzenden Haltung schon den Wind aus den Segeln holen.

Beispiel: Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie du versuchst, Deine körperlichen Einschränkungen zu kompensieren und deine Selbstständigkeit zu erhalten.

Handelt es sich um einen Angreifer? Dann sind Sie vielleicht nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und gar nicht die Adresse des Ärgers. Hier hilft oft aktives Zuhören, Trennen, Fragen und Verstehen. Indem man aktiv zuhört, Rückfragen stellt, sich wirklich für das Problem hinter der Kommunikation interessiert, kann man häufig das Vertrauen zurückgewinnen und das Problem möglicherweise sogar gemeinsam lösen.

Beispiel: "Ich verstehe, dass du gerade wütend/ traurig/ verzweifelt bist. Aber kannst du mir vielleicht helfen zu verstehen, WAS genau daran dich so wütend/ traurig/ verzweifelt macht?

Manchmal ist die Kommunikation eines pflegebedürftigen Menschen auch einfach planlos. Ein Redeschwall ohne Struktur und ohne zum Ende zu kommen. Was helfen kann, die Endlosschleife zu beenden sind Verständnisfragen oder die Frage nach Alternativen.

Beispiel: Ist das wirklich immer so oder gibt es auch Tage, wo es anders ist? Was genau ist denn dann anders, was hast du dann anders gemacht?

Der pflegende Angehörige

Auch der Angehörige bringt seinen eigenen Hintergrund mit in die Kommunikation. Deshalb lohnt es sich auch da, einmal hinter die eigenen Kulissen zu schauen.

Welche Sätze, Fragen, Vorwürfe triggern besonders? Worauf reagieren Sie immer wieder besonders empfindlich und vor allem warum? Womit bringt man diese Punkte in der Vergangenheit in Verbindung? Welche Gefühle treten dabei auf? Welche Fragen stressen besonders und warum?

Beispiel: Wenn Sie der Satz Ach lässt Du Dich auch mal wieder blicken? wütend macht, dann steckt vielleicht dahinter das Gefühl, dass Sie doch schon so viel Zeit mit und für Ihren Angehörigen verbringen und dies nicht gewürdigt wird. Dann könnten Sie das zur Sprache bringen oder sich selbst einen anderen Umgang mit diesem Satz überlegen.

Welche Erwartungen haben Sie an den Pflegebedürftigen? Sind Sie der Meinung, besser zu wissen, was für den Hilfebedürftigen gut ist, als dieser selbst? Ist das realistisch? Und in welcher Art kommunizieren Sie das?

Beispiel: Du brauchst doch eine Haushaltsunterstützung. So wie das hier aussieht, schaffst Du das doch gar nicht mehr allein! Die Frage, die Sie sich stattdessen stellen könnten, ist, ob die mangelnde Ordnung im Haushalt ihres Angehörigen diesen wirklich selbst stört, oder ob es Ihr Anspruch an Ordnung ist, den sie dabei zugrunde legen.

Wo liegen die eigenen Grenzen und ist das der pflegebedürftige Person bekannt? Kennen Sie selbst ihre Grenzen? Haben Sie diese schon einmal deutlich gemacht und in welcher Form?

Beispiel: Ich komme wirklich sehr gern zu Dir. Aber mehr als 3-mal in der Woche ist mir leider einfach nicht möglich und ich bitte Dich, dies zu akzeptieren.

Die Beziehung

Wie ist die Rollenverteilung in der Beziehung? Gibt es ein Oben und ein Unten? Oder sind alle auf Augenhöhe und man kann Probleme besprechen? In welcher Rolle sieht sich der Hilfeempfänger und in welcher der Unterstützer? Welche alten Trigger, welche alten Verletzungen existieren noch immer, weil sie nie aufgelöst wurden? Spielen diese in der Kommunikation heute noch immer eine Rolle?

Auch wenn Sie innerhalb der Familie einen Wechsel in Ihrer Funktion vom Versorgten zum Versorger vollzogen haben, bleiben Sie doch in der Konstellation immer das Kind. Wenn die Eltern alt und hilfsbedürftig werden, kann das auch noch einmal eine endgültige Ablösung von den Eltern mit sich bringen. Jetzt ist es an der Zeit, sich darüber klar zu werden, was Sie für sie tun können und was nicht. Und welche Art der Beziehung Sie als erwachsener Mensch mit Ihren Eltern gestalten möchten.

Die eigenen Grenzen zu kennen und sie erst einmal selbst zu akzeptieren und sie dann auch zu formulieren ist dafür nötig. Auch in Bezug auf die Kommunikation hat man durchaus das Recht zu äußern, wenn sie grenzverletzend wird.

Wie können Sie die Kommunikation verbessern?

Wenn die Art der Kommunikation für Sie selbst problematisch ist, dann liegt die Verantwortung für Veränderung bei Ihnen, nicht bei Ihrem Gegenüber. Sie haben keinen Einfluss darauf, wie Ihr Angehöriger, ihre Angehörige reagiert.

Dabei ist es essenziell, der anderen Person mit Respekt zu begegnen. Wenn Sie eine wertende und verurteilende Art der Kommunikation beenden wollen, können Sie das nur selbst als erstes tun. Ein gutes Gerüst dafür bietet beispielsweise die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg.

Die Absicht der Gewaltfreien Kommunikation ist es, unsere Verbindungen so zu gestalten, dass wir unsere jeweiligen Bedürfnisse verstehen und schätzen und gemeinsam Wege finden, wie wir sie einvernehmlich erfüllen können. Das gilt auch und besonders im Konfliktfall.
(Dr. Marshall B. Rosenberg)

Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern aus einer Haltung heraus zu kommunizieren, die Selbstverantwortung und Verbindung zum Ziel hat. Dafür sind vier Schritte notwendig, um die Kommunikation neu zu gestalten:

  1. Schritt: Beobachtung
  2. Schritt: Das Gefühl
  3. Schritt: Das Bedürfnis
  4. Schritt: Die Bitte

Oder pragmatischer ausgedrückt:

  1. Wenn Du A machst/sagst wertfreie Beobachtung
  2. dann fühle ich mich B Gefühl klar ausgedrückt
  3. Ich hätte aber lieber C Bedürfnis
  4. Und bitte deshalb um D
    Konkrete Bitte, die Machbarkeit, eine positive Formulierung und Überprüfbarkeit beinhaltet

Beispiel:
Wenn du zu mir sagst: "Ach, lässt du dich auch mal wieder blicken? (Beobachtung) dann fühle ich mich, als würde ich nicht genug für dich tun, dich vernachlässigen und damit geht es mir schlecht, denn das ist nicht mein Interesse und ich möchte am liebsten gleich wieder gehen. (Gefühl) Ich möchte aber viel lieber, dass wir freundlich miteinander umgehen, uns gern sehen, möchte mich auf meinen Besuch bei dir freuen können. (Bedürfnis) Deshalb bitte ich dich, diesen Satz nicht mehr zu sagen und mich stattdessen anders/ freundlicher zu begrüßen. (konkrete Bitte)

Probieren Sie es aus. Es erfordert manchmal nur ein bisschen Nachdenken vor dem Sprechen. Voraussetzung ist die Klarheit über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse.

Und was geht sonst noch?

  • Atmen, Ruhe bewahren, Lächeln
    Wenn es Ihnen gelingen kann, bei herausfordernden Reaktionen oder Vorwürfen erst einmal tief zu atmen und so in die innere Ruhe zurückzukehren, ist schon viel gewonnen. Denn der Mensch hat Spiegelneuronen, die auf das Verhalten eines anderen reagieren. Gelingt es Ihnen, dem Angriff keine Landebahn zu geben, z.B. indem sie eine Denkpause einlegen, geht er ins Leere und Sie können innerlich ein wenig auf Abstand gehen.
  • Nicht persönlich nehmen, nicht provozieren lassen
    Nehmen Sie sich Zeit, einen Vorwurf einmal in Ruhe zu überdenken. Sind Sie überhaupt der Adressat dieser Botschaft oder steckt etwas anderes dahinter? Üben Sie sich in der Kunst des Zuhörens, fragen Sie nach, ob Sie das richtig verstanden haben, was sie verstanden haben. Denn so gewinnt Ihr Gegenüber die Gewissheit, dass Sie ihm wirklich zuhören und seine Anliegen ernst nehmen.
  • Fragen statt Behauptungen
    Reagieren sie mit Nachfragen. Statt: Immer wieder sagst Du vielleicht mal Was veranlasst Dich zu dieser Aussage?; Was macht Dich so wütend/ traurig/ ungehalten?. Dann bekommt auch das Gefühl Ihres Angehörigen erst mal einen Platz.
  • Respekt, Gefühle respektieren
    Gefühle sind nicht falsch oder überflüssig, sie sind einfach da. Auch wenn Sie die Gefühle Ihres Angehörigen nicht verstehen oder nachvollziehen können, für ihn sind sie da und wollen respektiert werden. Nur dann wird er sich von Ihnen angenommen und ernstgenommen fühlen. Gut ist es, das Gefühl zu benennen und es ernst zu nehmen.
  • Gelassenheit und Konzentration auf das Positive
    Es kann hilfreich sein, bestimmte Dinge und Aussagen nicht so wichtig zu machen. Das Alter und besonders Pflegebedürftigkeit bringt auch so manche für uns Jüngere Menschen unverständliche Wunderlichkeiten hervor. Wenn es Ihnen gelingen kann, das eine oder andere als solche Wunderlichkeit stehen zu lassen und nicht alles bis zum Ende auszudiskutieren, kann das unter Umständen einige Entspannung bringen. Gelingt es Ihnen dann noch, die positiven Seiten zu sehen, dass Sie Ihre Eltern noch haben, dass Sie noch mit Ihnen sprechen können und sie bis ins hohe Alter für Sie ansprechbar sind, dann können Sie neue Perspektiven erreichen.
  • Humor
    Und wenn gar nichts anderes hilft und die gleichen Sätze doch immer wieder kommen, überlegen Sie sich eine humorige Antwort. Als Beispiel noch einmal der Satz: Ach, lässt Du Dich auch mal wieder blicken? Könnten Sie beantworten mit: Ja, willst du gelten, komme selten! oder etwas anderem, das zu Ihnen gut passt. Schlagfertigkeit können Sie trainieren, indem man sich zu den Sätzen, die Sie besonders ärgern, ganz in Ruhe eine lustige Antwort überlegen. Und gemeinsam zu lachen nimmt immer die Spannung.

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