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Pflege und Gesundheit für Unternehmen, Hochschulen, öffentliche Verwaltungen und Institutionen

Gut vorbereitet, wenn der Medizinische Dienst kommt

Amiravita News, 09. Dezember 2025
© leonardo – stock.adobe.com

Die Vorbereitung auf den Besuch des medizinischen Dienstes zur Pflegegradbegutachtung stellt für viele Menschen eine herausfordernde Situation dar. Es kommt eine fremde Person in die Häuslichkeit und beurteilt den Menschen anhand seiner Defizite, aber auch der Wohnraum wird genauestens auf Stolperfallen untersucht und es wird sich ein Bild von der Gesamtheit gemacht.

Überwiegend älteren Menschen - aber auch jüngeren Menschen - fällt es sehr schwer, sich anhand seiner Defizite beurteilen zu lassen. Häufig wird die Pflegesituation untertrieben, was dazu führen kann, dass kein Pflegegrad oder ein nicht realistischer Pflegegrad vergeben wird. Auch das Nichtwissen darüber, welche Module und Kriterien eine Rolle spielen, kann dazu führen, dass die Begutachtung anders ausfällt, als man es sich erhofft hat. Daher ist eine gründliche Vorbereitung auf die Begutachtung elementar, um den tatsächlichen Unterstützungsbedarf angemessen darstellen zu können.

Wie können Sie sich also effektiv auf den Besuch des medizinischen Dienstes vorbereiten? Wie können Sie sich einen roten Faden schaffen, um wichtige Punkte nicht zu vergessen oder die Hilfebedürftigkeit nachweisen? Darum geht es in diesem Artikel.

Was gilt es vor der Begutachtung zu beachten

Im Jahr 2017 gab es eine große Pflegereform. Mit dem Pflegestärkungsgesetz wurden aus den Pflegestufen die Pflegegrade. Diese sollen nun auch Menschen mit Demenzerkrankungen besser einbeziehen, welche bei den Pflegestufen meist nicht richtig bedacht wurden. Sie sollten wissen, dass es 6 Module und 64 Kriterien bei der Begutachtung gibt, die Bepunktet werden können. Befassen Sie sich vorher damit, denn nur wenn Sie wissen, welche Kriterien eine Rolle spielen, können Sie diese auch explizit in der Begutachtung ansprechen! Die Module gliedern sich auf in folgende Punkte:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  4. Selbstversorgung
  5. Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Je nach Einschränkung werden Punkte vergeben, diese bestimmen später den Pflegegrad. Hierbei gilt es zu beachten: Beim Modul „Kognitive und kommunikative Fähigkeiten“ und „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“ wird nur das Modul bewertet, welches die meisten Punkte hat. Das andere Modul erhält zwar Punkte, wird jedoch nicht für die Gesamtbewertung mit zusammengezählt und erhöht den Pflegegrad nicht.

So bereiten Sie sich auf den Begutachtungstermin vor

  • Termin rechtzeitig planen:
    Sorgen Sie dafür, dass beim Termin eine vertraute Bezugsperson anwesend ist. Sie kann ergänzende Informationen geben, die für die Einstufung wichtig sind. Wenn bereits ein ambulanter Pflegedienst involviert ist, könnte auch dieser die Begutachtung begleiten und noch wertvolle Zusatzinformationen zum Pflegebedarf geben.
  • Beschäftigen Sie sich mit den Modulen und Kriterien
    Setzen Sie sich bereits vorab mit den einzelnen Modulen und Bewertungskriterien des MD auseinander. So können Sie gezielt überlegen, welche Aspekte für die pflegebedürftige Person besonders relevant sind und welche Schwierigkeiten im Alltag dokumentiert werden sollten. Eine gute Vorbereitung ermöglicht es, konkrete Beispiele für den Hilfebedarf zu nennen, statt nur allgemein über die Pflege zu sprechen. Dadurch erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass alle relevanten Punkte im Gutachten berücksichtigt werden und der tatsächliche Unterstützungsbedarf realistisch dargestellt wird.

Dokumente sammeln:
Stellen Sie rechtzeitig alle relevanten Unterlagen zusammen, z. B.:

    • Ärztliche Befunde, Krankenhausberichte, Entlassungsbriefe: Dies sollten aktuelle Dokumente sein, aber auch Krankenhausberichte der letzten 3 Jahre sollten Sie bei der Begutachtung bereithalten.
    • Medikamentenplan: Achten Sie hier auf Vollständigkeit, besonders wenn noch ein weiterer oder mehrere Fachärzte involviert sind.
    • Therapiepläne (z. B. Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie): Sie zeigen, welche therapeutischen Maßnahmen nötig sind, wie oft sie erfolgen und wie sie die Selbstständigkeit beeinflussen.
    • Nachweise über Hilfsmittel (z. B. Rollator, Pflegebett)
    • Bescheide über Schwerbehinderung oder andere Einschränkungen
    • Pflegeeinsatzdokumentationen oder Berichte von Pflegediensten

  • Den Alltag realistisch beschreiben:
    Überlegen Sie gemeinsam, welche Tätigkeiten ohne Hilfe nicht mehr möglich sind. Notieren Sie, wann und wie oft Unterstützung nötig ist, z. B. beim Aufstehen, Waschen, Essen, Ankleiden, bei Orientierung oder Arztbesuchen.
    Wichtig: Die Einschätzung durch den Medizinischen Dienst (MD) erfolgt nicht ressourcenorientiert, sondern richtet sich darauf, zu dokumentieren, was nicht mehr eigenständig bewältigt werden kann. Wird der tatsächliche Hilfebedarf beschönigt, besteht die Gefahr, dass der ermittelte Pflegegrad niedriger ausfällt, als es für eine angemessene Versorgung nötig wäre.
  • Führen Sie ein Pflegetagebuch:
    Ein Pflegetagebuch kann dabei unterstützen, den tatsächlichen Pflegebedarf im Alltag zu dokumentieren. Es hilft, typische Abläufe, wiederkehrende Situationen und Unterstützungsleistungen festzuhalten, die im Gespräch mit dem Gutachter sonst leicht untergehen könnten. Gerade wenn die Kommunikation schwerfällt und Ihre Angehörigen sich den Hilfebedarf nicht eingestehen wollen, oder können, kann dies eine wunderbare Ergänzung sein.
  • Wirklichkeit statt Rücksicht:
    Viele Pflegebedürftige neigen dazu, ihre Selbstständigkeit zu positiv darzustellen. Angehörige sollten freundlich, aber klar, ergänzen, wie der Alltag tatsächlich aussieht. Nur so kann die Begutachtung fair erfolgen.
  • Wohnumfeld zeigen:
    Lassen Sie den Gutachter ruhig sehen, wie der Alltag gestaltet ist: z. B. Stolperfallen, Hilfsmittel, Sitzhilfen, Pflegebett oder räumliche Einschränkungen. Das vermittelt ein realistisches Bild. Außerdem kann der medizinische Dienst bei Bedarf auch weitere Hilfsmittel empfehlen, die Ihnen auf Dauer den Pflegealltag noch erleichtern.
  • Vorbereitungsgespräch führen:
    Führen Sie im Vorfeld ein Gespräch mit der pflegebedürftigen Person. Erklären Sie dabei, warum der Gutachter kommt: nicht, um zu „prüfen“ oder zu bewerten, sondern um den tatsächlichen Unterstützungsbedarf zu erfassen und entsprechende Hilfen zu ermöglichen. Nehmen Sie sich Zeit, alle Fragen und Unsicherheiten anzusprechen. Machen Sie deutlich, dass es um eine realistische Einschätzung des Alltags geht, nicht um Kritik oder Kontrolle. Helfen Sie der Person, sich auf den Termin einzustellen, indem Sie betonen, dass es darum geht, ihren tatsächlichen Alltag und die Unterstützung, die geleistet wird, ehrlich zu zeigen. Erklären Sie, dass kein richtig oder falsch existiert, nur ein realistisches Bild des Hilfebedarfs, damit die notwendige Unterstützung gewährleistet werden kann. So wird Angst und Druck reduziert.

Tipp

Eine gute Vorbereitung erleichtert den MD-Termin erheblich. Sie hilft dabei, den Alltag klar und nachvollziehbar darzustellen, sodass der Gutachter ein realistisches Bild des Hilfebedarfs erhält. Wenn die pflegebedürftige Person und die Angehörigen im Vorfeld überlegen, welche Tätigkeiten Unterstützung erfordern und wann diese Unterstützung nötig ist, laufen die Gespräche beim Termin strukturierter ab.

Zusätzlich verhindert die Vorbereitung, dass wichtige Details vergessen werden, wie z. B. Schwierigkeiten beim Aufstehen, Ankleiden, Essen oder bei der Orientierung. Wer vorbereitet ist, kann konkrete Situationen schildern, statt nur allgemeine Aussagen zu machen, und zeigt so genau, welche Hilfen tatsächlich benötigt werden.

Hinweise zum Führen eines Pflegetagebuchs

Ein Pflegetagebuch ist kein Muss, aber ein sehr nützliches Hilfsmittel, um den Alltag und den tatsächlichen Unterstützungsbedarf zu dokumentieren. Er dient als „roter Faden“ durch das Gespräch, welcher die Angst nehmen kann, wichtige Punkte zu vergessen. Gerade, wenn die Begutachtung nur ein bis zwei Stunden dauert, hilft es, nichts zu vergessen und den Pflegeaufwand realistisch zu zeigen.

Am besten beginnen Sie etwa zwei Wochen vor dem Begutachtungstermin mit dem Führen des Pflegetagebuchs. Wer bereits nach Antragstellung startet, kann den Unterstützungsbedarf über einen längeren Zeitraum zeigen, zwei Wochen reichen aber meist aus.

Was gehört hinein?

Notieren Sie alle Tätigkeiten, bei denen Hilfe nötig ist, zum Beispiel:

  • Körperpflege (Waschen, Duschen, Anziehen)
  • Toilettengänge
  • Essen zubereiten oder anreichen
  • Medikamente geben
  • Hilfe beim Gehen, Aufstehen oder Umlagern
  • Betreuung bei Vergesslichkeit, Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit
  • Organisation oder Begleitung von Arztbesuchen
  • Gespräche zur Beruhigung oder Orientierung
  • Unterstützung im Haushalt (Putzen, Einkaufen etc.)

Wichtig ist, ehrlich zu beschreiben, was im Alltag nicht mehr selbstständig gelingt. Auch nächtliche Unruhe, Stürze oder Orientierungslosigkeit sollten dokumentiert werden, mit dem jeweiligen Unterstützungsbedarf, der hier geleistet werden muss.

So dokumentieren Sie die Pflege richtig

Es reicht, in einfachen Worten stichpunktartig zu beschreiben, bei welchen Tätigkeiten die pflegebedürftige Person Hilfe braucht und wie diese Hilfe aussieht. Man muss nicht messen, wie lange etwas dauert. Wichtig ist, ehrlich aufzuschreiben, was im Alltag nicht mehr allein geschafft wird und in welchen Situationen regelmäßig personelle Unterstützung nötig ist.

Ein Pflegetagebuch ist besonders hilfreich, wenn die betroffene Person selbst meint, noch alles allein zu können – das kommt oft vor bei Demenz, psychischen Erkrankungen oder bei Menschen, die sich nur schwer damit arrangieren können, dass sie zunehmend Unterstützung benötigen. In solchen Fällen zeigt das Tagebuch dem Gutachter oder der Gutachterin ein ehrliches Bild, auch dann, wenn die Person ihre Einschränkungen selbst nicht erkennen will oder kann.

Gut zu wissen: Das Pflegetagebuch kann auch dem Gutachter direkt übergeben werden

Viele Angehörige haben Angst, beim Gespräch mit dem Gutachter etwas zu sagen, das den Pflegebedürftigen kränken oder bloßstellen könnte. Das ist verständlich: niemand möchte seinen Vater, seine Mutter oder den oder die PartnerIn in Verlegenheit bringen.

In solchen Fällen kann das Pflegetagebuch eine große Hilfe sein: Es kann dem Gutachter oder der Gutachterin einfach übergeben oder gezeigt werden, ohne dass alles im Beisein der pflegebedürftigen Person ausgesprochen werden muss. So lassen sich schwierige Dinge mitteilen, ohne Konflikte oder verletzende Gespräche auszulösen.

Warum lohnt sich der Aufwand?

Ein Pflegetagebuch hilft dabei:

  • Den tatsächlichen Pflegebedarf zu zeigen
  • Sich gut auf das Gespräch mit dem Gutachter oder der Gutachterin vorzubereiten
  • Sicherer zu sein, dass nichts vergessen wird
  • Eine mögliche falsche Entscheidung (z. B. Ablehnung oder zu niedriger Pflegegrad) besser anfechten zu können

 

Ein Pflegetagebuch zu führen, kostet etwas Zeit und Mühe, aber es ist keine unnötige Arbeit. Im Gegenteil: Es kann eine große Hilfe sein, um die Pflege und Betreuung fair beurteilen zu lassen.

Viele Angehörige merken beim Schreiben zum ersten Mal, wie viel sie im Alltag schon leisten, weil vieles ganz selbstverständlich geworden ist. Beim Führen des Tagebuchs tauchen oft Dinge auf, an die man vorher gar nicht gedacht hat: kleine Handgriffe bei der Körperpflege, Hilfe bei der Mobilität, Begleitung bei der Einnahme von Medikamenten oder Betreuung bei Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit. All das gehört zur Pflege dazu, auch wenn es nicht immer sofort sichtbar ist.

Das Tagebuch hilft, diese alltägliche Unterstützung sichtbar zu machen. Es sorgt dafür, dass der Medizinische Dienst ein realistisches Bild bekommt, vor allem bei Demenz oder psychischen Erkrankungen, wo Betroffene ihre Lage oft selbst nicht richtig einschätzen können.

Und: Es entlastet Angehörige im Gespräch mit dem Gutachter, weil sie nicht alles mündlich sagen müssen, gerade dann, wenn sie ihre Liebsten nicht verletzen oder bloßstellen möchten.

Ein Pflegetagebuch ist also viel mehr als eine Liste von Aufgaben. Es ist ein wichtiger Schritt, um die nötige Unterstützung zu erhalten und die geleistete Pflege klar und verständlich darzustellen.

Fazit:

Eine sorgfältige Vorbereitung auf den Termin mit dem Medizinischen Dienst nimmt Unsicherheit, schafft Struktur und erleichtert das Gespräch für alle Beteiligten. Wer vorab klärt, welche Einschränkungen bestehen, relevante Unterlagen bereitlegt und den Alltag realistisch einschätzt, sorgt dafür, dass der Gutachter ein stimmiges Gesamtbild erhält. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der tatsächliche Unterstützungsbedarf erkannt und der passende Pflegegrad vergeben wird.

 

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